Metallkreuz mit Regentropfen an der Unterseite in Nahaufnahme, Hintergrund verschwommen

Marienfriedhof – Witten

Der Marienfriedhof ist einer von zwei Friedhöfen der katholischen Gemeinde St. Marien in Witten. Er liegt unmittelbar hinter der innenstädtisch gelegenen Marienkirche und dem angrenzenden Krankenhaus-Komplex (Marienhospital).

Der Friedhof ist nur  von der Südseite an der Marienstraße zugänglich, zu den anderen Seiten wird das Friedhofsgelände von der Eisenbahnlinie Witten-Dortmund, dem rheinischen Esel und einem Wohngebiet abgegrenzt. Der Friedhof verfügt über eine Trauerhalle an der Marientraße.

Das gesamte Friedhofsgelände ist geprägt von seiner starken Hanglage. Die Nord-Süd-Wege führen allesamt mehr oder weniger steil nach unten, durchbrochen von teilweise sehr ungleichen Treppenstufen.

Marienfriedhof Witten Weg

 

 

Am nördlichen Ende mündet der stärker belegte Teil des Friedhofs in ein offenes Feld mit hohem Gras in dem sich nur vereinzelt Gräber befinden.

 

Marienfriedhof Witten, neblige Wiese Richtung Norden

 

Die Gräber in diesem Teil des Friedhofs stammen überwiegend aus den letzten zwei Jahrzehnten und sind gut erhalten und weithin sichtbar, während die ursprünglich angelegten Wege vollständig vom hohen Gras vereinnahmt wurden.

 

Marienfriedhof Witten Engelsfigur auf einem Grab im hohen Gras mit Tau und Regentropfen

 

Die Wege sind teilweise extrem abschüssig aber gut in Schuss. Alten und hohen Baumbestand sucht man auf dem Friedhof vergebens. Dafür sind Wege und Grabreihen von niedrigen Bäumen und Sträuchern umwachsen, die zusammen mit der Hanglage den versteckten und geheimnisvollen Gesamteindruck des Friedhofs erzeugen.

 

 

Hat man sich einmal einen Überblick über die den Hang entlang verlaufenden Wege verschafft, findet man sich auf dem Friedhof recht gut zureckt. Die Gräber liegen nur im oberen Teil dicht an dicht nebeneinander, je weiter man nach unten geht, desto lichter werden die Grabreihen. Zu Beginn der nördlichen Wiese stößt man auf einen ungewöhnlichen Grabstein. Form und Gestaltung weisen ihn bereits von Weitem als Grabmal aus der Vor-Weltkriegs-Zeiten aus.

 

 

Der Grabstein markiert das Grab von Paul Echterhoff, ausweislich der Inschrift starb er als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr am 30. November 1906, nachdem er im Einsatz an der brennenden Roburit-Farbik schwer verletzt worden war.

Am 28. November 1906 beginnt es im Maschinenraum der Wittener Roburit-Werke zu brennen. Roburit ist ein Sprengstoff, der vor allem für die Arbeit im Bergbau eingesetzt wird und als sehr sicher in der Handhabung gilt. Die Feuerwehr erkennt schnell, dass das Feuer eine massive Gefahr für das Roburit-Lager darstellt. Wegen eines Wasserrohrbruchs sind die Wasserleitungen zum Maschinenraum jedoch defekt und Löscharbeiten unmöglich. Die Feuerwehrmänner bergen noch persönliche Gegenstände der Werksangehörigen und evakuieren die auf dem Werksgelände untergebrachten Pferde. Als gegen 21 Uhr das Feuer auf das Sprengstoff-Lager übergreift, kommt es zu einer gewaltigen Explosion, die Witten (vor allem den Stadtteil Annen) sowie Teile von Dortmund erschüttert. Die Druckwelle beschädigt zahlreiche Häuser und auch der Damm der Talsperre Witten-Annen wird so schwer beschädigt, dass Wasser den Ort flutet. Tausende von Anwohnern verlieren ihre Häuser.

Bei der Explosion sterben über 40 Menschen, einige von ihnen Helfer, die meisten jedoch waren zur Fabrik gekommen, um sich das Feuer anzuschauen. Das Unglück macht Witten schlagartig überregional bekannt, ist jedoch heute fast vollständig in Vergessenheit geraten.

In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv gab es im letzten Jahr eine Gedenkveranstaltung zum einhunderzehnten Jahrestag der Explosion, der Grabstein von Paul Echterhoff erinnert den aufmerksamen Friedhofsbesucher jedoch weiterhin an das Unglück vor mehr als einhundert Jahren und zeugt von der Dankbarkeit der Stadt Witten gegenüber den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr.

Die gestalterischen Entscheidungen bei der Anlage einer Grabstelle stehen niemals ganz für sich im luftleeren Raum. Häufig geht es dem Verstorbenen, der seine Grabstelle selbst gestaltet oder den Angehörigen darum einen Bezug zum Verstorbenen herzustellen und ihn würdig zu repräsentieren. In den allermeisten Fällen dürften die Gestalter einer Grabstelle den jeweiligen Friedhof kennen und bewusst oder unbewusst scheint durch die Gestaltung der anderen Gräber dort beeinflusst werden. Viele Friedhöfe weisen eine bestimmte gestalterische Eigenart der Grabstellen auf, die dort häufig, jedoch nirgendwo sonst zu finden ist, jedenfalls ist für den Friedhofsbesucher oft ein “Trend” zu einer bestimmten Gesteinsart, Beschriftung oder Blumengestaltung zu erkennen. Auch ein völliger Bruch mit der allgemeinen ästhetischen Ausrichtung eines Friedhofs – das “andere” Grab, das sich völlig einzigartig in seiner Gestaltung von den anderen abhebt – ist eine Entscheidung im Kontext der restlichen Friedhofsgestaltung: Es bewusst oder unbewusst anders zu machen als die Anderen.

Der Marienfriedhof beherbergt eine ganze Reihe ungewöhnlich gestalteter Grabanlagen.

Stein ist das häufigste und klassischste aller Materialien, wenn es um die Gestaltung von Grabmalen geht. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts tritt jedoch vermehrt auch Metall hinzu oder ersetzt den Stein. Auf dem Marienfriedhof gibt es besonders viele Beispiele dieser neueren Materialkombination zu entdecken, die sich jedoch in ihrer Verwendung des Zusatzmaterials Metall zum Teil erheblich von einander unterscheiden. Klassisch und häufig anzutreffen ist die reliefartige Gestaltung eines metallenen Bildnisses, welche auf den Stein aufgebracht wir. Exemplarisch dafür stehen die ersten drei Bilder.

 

 

Eine herausragende Abwandlung dieses Motivs stellt der Grabstein im vierten Bild dar. Hier trägt eine gewellte Metalloberfläche die Namen und Lebensdaten der Verstorbenen. Durch die Form der Metallplatte wird dem Betrachter des Grabes das Lesen der Namen erschwert, es reicht nicht den Grabstein frontal anzuschauen, verschiedene Blickwinkel müssen her. Die Wellen erzeugen dabei einen fast textilen Eindruck, der im starken Kontrast zum verwendeten Material steht. Es entsteht der Gesamteindruck eines spannenden Grabsteins.

Das metallene Kreuz in den unteren beiden Bildern ist auf Friedhöfen häufig anzutreffen. Ungewöhnlich sind jedoch die gitterhafte Gestaltung links sowie die Kombination von Metall und Holz rechts.

Aber auch ein Grabmal, das komplett aus Stein gefertigt ist, kann den Betrachter überraschen. Eine interessante Oberflächenstruktur oder eine kleine Tierfigur am Rande eines sonst sehr klassischen Grabsteins brechen mit der Konvention.

 

 

Etwa in der Mitte des Friedhofs auf östlicher Seite eröffnet sich dem Friefhofsbesucher bereits von Weitem ein Grabmal, welches sich von den anderen gestalterisch derart abhebt, dass es mit seinem Konzept scheinbar im Nichts zu schweben scheint. Nirgendwo sonst auf dem Friedhof finden sich Anklänge oder Ähnlichkeiten.

 

Marienfriedhof Witten Knotengrabmal

 

Ein Grabstein aus weißem Stein mit einer gräulichen Patina markiert die Grabstätte einer Familie, das Haupt des Grabsteins bildet dabei eine monumentale Steinskulptur aus ineinander verwobenen Steinbändern von denen zackenförmige Steinstrukturen abgehen. Die Struktur hat die Gesamtform eines Quaders, der auf einer Steinplatte sitzt, die den Namen der Familie trägt. Die Gestaltung setzt sich auf der Rückseite und den Seiten fort.

 

 

Zum Schluss meiner Erkundung des Marienfriedhofs fand ich dann noch eine echte Besonderheit:

 

 

An der Ostseite, gut versteckt hinter hohen Bäumen und Gestrüpp, hat die Friedhofsverwaltung eine Art letzte Ruhestätte für all die Dinge errichtet, die nach Ablauf der vorgeschriebenen Ruhezeit von den Gräbern entfernt werden müssen. Laternen, Kränze und einzelne Grabsteine sowie verwelkter Blumenschmuck sind eindeutig auszumachen. Derartiges war mir vorher noch nicht begegnet. Eine eindrückliche Erinnerung daran, dass nicht einmal die letzte Ruhe ewig dauert (zumindest nicht auf dem Friedhof).

 

Der Friedhof hat über zwei Zugänge an der Marienstraße. Er verfügt über Kolumbarien und Rasengrabstätten und ist für Bestattungen geöffnet. Eine Trauerhalle ist vorhanden. 

 

 

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