Evangelischer St. Gertrudenkirchhof – Oldenburg

Auswärtige Besucher dieses schönen Friedhofs erkennt man gleich an der falschen Bezeichnung des historischen Areals – Einheimische und Ortskundige wissen natürlich, dass es St. Gertrudenkirchhof heißt. Der Einfachheit halber, die Oldenburger mögen es mir verzeihen, nenne ich ihn den Gertrudenfriedhof.

Der Friedhof gehört zur evangelischen Kirchengemeinde Oldenburg und besteht als offizielle Begräbnisstätte mindestens seit 1791. Sein Alter sieht man dem Friedhof an – die parkähnliche Struktur entsteht hauptsächlich durch vor langer Zeit gepflanzte kleine Grabbäumchen, die heute ausgewachsen das Bild der Anlage prägen. Die Nebenwege sind größtenteils Wiese oder Trampelpfade und durch den alten und hohen Baumbestand lässt sich die Weitläufigkeit des Friedhofs erst ermessen, wenn man den Hauptwegen schon ein Stück gefolgt ist.

Dass der Friedhof seit langer Zeit kontinuierlich genutzt wird, erkennt der Besucher schnell an den vielfältigen und aus unterschiedlichsten Epochen stammenden Grabmalen. Neben größeren Mausoleen und Gedenksteinen sind auch kleinere Grabsteine von historischem Wert erhalten und stehen in direkter Nachbarschaft zu neuen und modernen Grabgestaltungen. Eine Vielzahl von Familiengräbern sowie der Verzicht auf die typische “Reihengrabanlage” runden den Eindruck ab.

 

 

Wenn man den Friedhof von der Kirchhofstraße oder der Nadorster Str. aus betritt, stößt man unweigerlich auf einen riesigen klassizistischen Backsteinbau, der sich von der restlichen Friedhofsgestaltung deutlich abhebt. Was man auf den ersten Blick für eine Trauerhalle halten könnte, ist das Mausoleum der herzöglichen Familie von Oldenburg, das heute unter Denkmalschutz steht und im Jahr 2012 umfassend restauriert wurde. Der Bau des Mausoleums wurde viel früher erforderlich als der damalige Herzogs Peter Friedrich Ludwig von Holstrein-Gottorp geplant hatte. Dass die damalige Fürstengruft aufgrund geplanter Baumaßnahmen aufgegeben werden musste, war bekannt. Dann starb die Ehefrau des Herzogs Friederieke von Württemberg jedoch überraschend im Alter von 20 Jahren an Krebs. Sie wurde 1785 vorübergehend in der Schlosskapelle Eutin beigesetzt (zusammen mit ihrem totgeborenen dritten Kind) und nach der Fertigstellung des Mausoleums im Jahre 1790 dorthin überführt. 1829 fand auch Peter Friedrich Ludwig selbst dort seine letzte Ruhe und bis heute wird das Mausoleum als Grablege der herzoglichen Familie von Oldenburg genutzt.

Östlich des Mausoleums liegen zahlreiche historische Grabmale, die teilweise von der Stiftung Oldenburgischer Kulturbesitz erhalten und gepflegt werden. Diese Ecke hebt sich deutlich vom Rest des Friedhofs ab, auch weil die Grabmale nicht nur alt, sondern zum Teil auch ungewöhnlich groß und umfangreich gestaltet sind.

 

 

Unter den historischen Grabstellen ragt eine besonders heraus: Das klassizistische Mahnmal für für die 1813 von französischen Besatzern hingerichteten Christian Daniel von Finchk und Albrecht Ludwig von Berger.  Von 1806 bis 1814 während der sog. “Oldenburger Franzosenzeit” stand Oldenburg unter der Herrschaft Frankreichs und gehörte offiziell zum französischen Kaiserreich. So eine Herrschaft allerdings auch aktiv auszuüben und aufrechtzuerhalten kann manchmal recht schwierig sein. Ab 1813 kam es in Oldenburg und Umgebung vermehrt zu Aufständen, Nachrichten über Napoleons Rückzug und das Vordringen russischer Kavallerie nach Hamburg heizten den Widerstand gegen die französische Besatzung weiter an. Schließlich räumten die Franzosen unter Präfekt Frochot ihre Verwaltungsstellen und zogen ab, nicht aber ohne zuvor eine Regierungskommission einzusetzen, die an ihrer statt das Herzogtum Oldenburg in französischem Sinne verwalten sollte. Die Kommission bestand auf fünf Oldenburger Beamten, darunter eben die hier Bestatteten. Sie verfassten gleich zu Beginn ihrer nur viertägigen Wirkungszeit eine Proklamation, die offiziell der Beruhigung des Volkes dienen sollte. Welche Motive wirklich dahinter standen, ob die Beamten hofften zu einer aus ihrer Sicht legitimen Herrschaft des vertrieben Herzogs von Oldenburg zurückkehren zu können oder ob sie wirklich den sich überall formierenden Widerstand anheizen wollten, ist nicht geklärt. Relativ sicher ist heute, dass ihnen die nationalistischen “teutschen” Motive im Nachhinein angedichtet wurden. Die rückkehrenden Franzosen jedenfalls hatten keine großen Zweifel an der Stoßrichtung der Proklamation – von Finchk und von Berger wurden in einem Schauprozess wegen Verrats zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die drei anderen Mitglieder der Kommission erhielten Gefängnisstrafen.

Später wurden beide rehabilitiert und 1824 das pompöse Grabmal errichtet – von Herzog Peter Friedrich Ludwig, ebenjener, der auch das Mausoleum baute. Die räumliche Nähe beider Bauwerke ist ein Hinweis darauf, wie sehr dem Herzog die Erinnerung an die beiden aus seiner Sicht zu Unrecht verurteilten Beamten am Herzen lag.

 

 

Das Mahnmal ist von allen Seiten beschriftet und ungewöhnlich detailreich und kunstvoll ausgearbeitet. Auffällig sind die Spitzen des Metallzaunes, die eindeutig an Beilklingen erinnern. Auch auf anderen Metallzäunen habe ich Spitzen gesehen und was ich bisher für eine reine geometrische Verzierung hielt, erinnert mich jetzt doch sehr an Pfeilspitzen und löst in mir eindeutig die Assoziation mit frühen Waffenarten aus. Sinn ergibt das schon – schließlich waren Zäune Verteidigungsanlagen lange bevor sie dekorative Elemente der Landschaftsgestaltung wurden. Sollte ein geneigter Leser einen Hinweis zur Kulturgeschichte des Zaunes haben, freue ich mich über eine Nachricht.

 

 

Wie viele andere Friedhöfe spiegelt auch der Gertrudenfriedhof die Moden und Geschmäcker seiner Zeit, es fällt nicht schwer zu erahnen wie sich sich der Errichter eines Grabmals von Bestehendem beeinflussen ließ und vielleicht genau das wollte, was auch der Nachbar schon hatte. Dass manche Darstellungen sich ähneln macht jede für sich jedoch nicht weniger kunstvoll, bestes Beispiel dafür sind die zahlreichen Darstellungen von Jesus am Kreuz, die von anderen bildlichen Darstellungen gerahmt werden und häufig den oberen Teil eines Grabsteins bilden.

 

 

Auch auf dem weniger historischen Teil des Friedhofs gibt es Interessantes zu entdecken. Klassische Urnendarstellungen und Engelsfiguren, interessante Metallarbeiten und moderne Steinplastiken stehen ganz selbstverständlich nebeneinander und bieten dem Besucher ein umfangreiches Panorama von Grabgesteltungselemnten der letzten Jahrhunderte. Die landläufige Meinung, das Gräber mit der Zeit “individueller” geworden sind, bestätigt sich auf dem Gertrudenfriedhof so nicht. In allen Zeiten und Epochen gab es Grabmale, die sich an der Formsprache ihrer Zeit orientieren, sich einer sehr klassischen Bildsprache bedienen und übliche, vielleicht sogar regionale Materialien verwenden. Es gab aber auch schon immer das eine Grabmal das “anders” war als die anderen. Ein klarer Bruch mit dem Vorhandenen, der sich in seiner totalen ästhetischen Abkehr von dem, was der Errichter des Grabmals für das Normale hielt, fast noch mehr an die Moden der Zeit anlehnt, als das klassische Grabmal. Was ist mehr das Kind seiner Zeit, die Orientierung am Üblichen mit behutsamen und innerhalb der Regeln erwartbaren Abweichungen oder der Bruch, der auffällig absichtlich allem ausweicht, was die Anderen machen? Am Ende entscheidet das der Betrachter.

 

 

St. Gertrudenkirchhof, Kirchhofstraße 9, 26121 Oldenburg. Der Friedhof ist für Begräbnisse geöffnet. Die Hauptwege sind unbefestigt aber barrierefrei, die Nebenwege führen über Feld und Wiese. Geöffnet täglich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

 

 

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2 Gedanken zu „Evangelischer St. Gertrudenkirchhof – Oldenburg

  1. Sehr geehrte Frau Dickel,
    mir gefällt ihr Beitrag sehr gut. Ich habe nach Fotos vom Gertrudenhof gesucht, weil die Freundin meiner Mutter dort begraben wurde. Meine Mutter hat sich sehr gefreut zu sehen wie es dort aussieht, da sie aus gesundheitlichen Gründen das Grab nicht besuchen kann.
    Mit freundlichen Grüßen
    S. Heinz

  2. Sehr geehrte Frau Heinz,
    vielen Dank für die freundliche Rückmeldung. Es ist schön, dass ich Ihrer Mutter eine Freude machen konnte. Ich habe noch zahlreiche Fotos, die es nicht in den Artikel geschafft haben. Wenn Sie mögen, kontaktieren Sie mich doch unter der bei Kontakt angegeben E-Mail-Adresse.
    Viele Grüße
    Jasmin Dickel

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