Alter Friedhof – Bonn

Heute liegt der alte Friedhof Bonn mitten in der Stadt, in Sichtweite zum Stadthaus und fußläufig zur Einkaufszone. Das war nicht immer so: Um 1715 gegründet war er der erste Friedhof außerhalb der Befestigung der damaligen Stadt Bonn und hatte noch lange nicht die Ausdehnung, die das Gelände heute hat. Bekannte Namen und wohlhabende Bürger der Stadt suchte man damals auf dem Friedhof vergeblich, als Begräbnisplatz war er äußerst unbeliebt, sollte er doch vor allem die angesichts zahlreicher Epidemien in der Stadt sprießenden Notfriedhöfe überflüssig machen und auch als Soldatenfriedhof dienen. Erst 1787 wurde der Friedhof zum allgemeinen Begräbnisplatz erklärt, allerdings nicht weil er sich wachsender Beliebtheit erfreute, sondern weil in den Städten am Rhein der moderne Geist Einzug hielt und das Bestatten von Toten mitten in der Stadt aus hygienischen Gründen für nicht mehr zeitgemäß erachtet wurde. Schnell wurde das Friedhofsgelände zu klein und bis zu seiner Schließung im Jahre 1884 wurden kontinuierlich Erweiterungen und Ausbauten durchgeführt. Hier erhielt der Friedhof auch seine bis heute prägende Gestalt als geometrisch angelegte Grünanlage.

Heute prägen historische und mehr oder weniger prunkvolle Grabanlagen der letzten 200 Jahre das Bild des Friedhofs, die einfacheren Reihengräber aus seiner Anfangszeit haben die Jahrhunderte nicht überdauert. Hier und da setzt sich ein modernes Grab in die Reihen der historischen Grabmale, denn obwohl der Friedhof offiziell geschlossen ist, werden Nachfahren der Eigentümer der Grabstätten sowie Ehrenbürger der Stadt Bonn bis in die neuste Zeit dort beigesetzt.

Die Atmosphäre auf dem Friedhof ist ruhig, fast gelassen. Die alten Gräber und der dazu passende alte Baumbestand wirken unerschütterlich. Bunte Bepflanzungen oder mitgebrachte Blumen sucht man in den Reihen vergebens – die meisten Gräber sind mit Efeu überwachsen und Grün-, Grau- und Brauntöne prägen das Bild. Die Wege sind zumeist geräumig und leere Flächen mit einem gepflegten Rasen belegt. Durch die wenigen Neuzugänge trägt der Friedhof sich nicht wie üblich über die Nutzungsgebühren, neben Landeszuschüssen und der Stadt Bonn kümmert sich ein engagierter Förderverein um die finanzielle Unterstützung für Erhalt und Pflege der Anlage. Hier kann man die Internetseite der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Alten Friedhofs in Bonn besuchen. Der Verein stellt dem Besucher auch am Eingang des Friedhofs ein Informationsblatt zur Verfügung mit dessen Hilfe man die Gräber berühmter Persönlichkeiten anhand der beigelieferten Karte finden kann.

Die Grabanlagen spiegeln das gesellschaftliche Leben der Bonner Oberschicht der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte, unter ihnen finden sich Werke bedeutender Künstler und Darstellungen der verschiedensten Stilrichtungen. Nichtsdestotrotz gilt auch für diesen Friedhof: Über die Zeit setzt sich ein eigener Stil des Friedhofs, eine bestimmte diesem Ort eigene Ästhetik in der Gestaltung durch. Nichts gehört zueinander, aber alles passt irgendwie zusammen.

Figürliche Darstellungen nehmen in der Gesamtoptik des Friedhofs eine herausragende Position ein – oft im wahrsten Sinne des Wortes, wenn Sie den Betrachter um einige Meter überragen. Buchstäblich an jeder Ecke begegnet dem Besucher eine Figur oder eine Büste, oft sind des Abbilder der Verstorbenen, es wechseln sich jedoch auch religiöse mit weltlichen Darstellungen ab. Viele Grabmale beherbergen ein hoch aufragendes Steinkreuz, anderer weisen überhaupt keinen religiösen Bezug auf.

Diese Familien-Grabstelle schmückt sich mit der ungewöhnlichen Darstellung einer Frau. Obwohl sie ihr Gegenüber nicht anblickt, sondern den Blick auf den Boden gerichtet hält, entsteht sofort eine eigentümliche Nähe zum Betrachter der Figur. Sie scheint sich dem Grab von der Seite genähert zu haben, bevor sie sich stützend auf den Grabstein lehnt. Im Arm trägt sie eine Pflanze, wahrscheinlich dafür bestimmt am Grab niedergelegt zu werden. Wie der Betrachter selbst fixiert sie den Untergrund, auf dem sie geht, um nicht versehentlich auf eine Grabstelle zu treten oder über einen losen Stein zu stolpern. Mit dem Zeigefinger der freien, die Blume haltenden Hand, weist sie in Richtung der Grabstelle, als wolle sie einem Begleiter das Ziel ihres Weges anzeigen. Deswegen ist die Frauenfigur dem Betrachter unvermittelt so nah – sie tut das, was auch der Friedhofsbesucher tut, könnte seine Begleiterin sein und spiegelt sein Suchen und Finden.

Nicht weit entfernt begegnet dem Besucher eine weitere Frauenfigur, die sich an ein Grabmal lehnt. Hier ist die Situation dennoch deutlich anders: Statt Nähe zum Betrachter erzeugt die Figur Distanz und die Furcht ihr zu Nahe zu treten. Anders als die Figur in obigem Beispiel ist sie keine gefasste und routinierte Friedhofsbesucherin, vielmehr scheint ihr der Verlust der Verstorbenen immer noch derart nahe zu gehen, dass sie sich am Grabmal stützen muss, um nicht die Fassung zu verlieren. Aus der Darstellung spricht große Trauer, eine Situation die einen Fremden und unbeteiligten Friedhofsbesucher instinktiv Abstand halten lässt. Obwohl auch hier eine ganz typische Situation für den Besuch eines Grabes dargestellt wird, lässt die Figur den Betrachter zurückweichen und verhindert, dass er sich selbst in ihr wiederfindet.

Figürliche Darstellungen bilden meist den Höhepunkt eines Grabmals und treten selten im Doppel auf: Nicht so diese beiden knienden Figuren, die sich flehentlich im Gebet in Richtung Himmel wenden. Während die eine Figur die Hände in klassischer Betposition hält, ist die andere wie erstarrt in einer Geste größter Verärgerung, die Hände einander umfassend. Beide Figuren wirken trotz der Engelsflügel sehr menschlich, auch ihre Gesichtszüge unterscheiden sich deutlich voneinander. Fast wirkt es, als seien sie Abbilder realer Kinder, die auf diesem Grabmal verewigt wurden. Bei den Beigesetzten handelt es sich um Erwachsene, möglicherweise tragen die dargestellten Engelsfiguren Züge ihrer Kinder, doch das ist rein spekulativ.

Zahlreiche weitere Engel, Büsten, und Verstorbenendarstellungen prägen die Wege des Friedhofsbesuchers, sie alle reihen sich auf ihre Weise in einen optisch stimmigen Gesamteindruck ein.

Auffällig, fast aufdringlich, schiebt sich bereits von Weitem diese Darstellung eines antiken griechischen Soldatenhelms ins Blickfeld des Besuchers. Das Grabmal gehört mutmaßlich einem jüngeren Mann, ob er in einem Krieg gestorben ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Das Grab errichtete ihm seine Mutter, die in der dazugehörigen Grabinschrift auf jede Angabe von Lebensdaten verzichtet. Fast scheint es, als sie die Trauer der Mutter der Hauptanlass für die Errichtung der Grabstätte und nicht das Leben und Sterben des Bestatteten. Auch der griechische Helm dient nur auf dem ersten Blick der Mystifizierung und Huldigung des Toten. In Wahrheit dürfte der Verstorbene einen solchen Helm wohl kaum jemals in der Hand gehalten haben und die figürliche Darstellung auf seinem Grab ist ein bloßer Mythos, der keinerlei Anknüpfungspunkte an sein Leben oder seine Person aufweist. Fast schon ein anonymes Grab.

Das genaue Gegenteil von Anonymität strahlt die Grabstätte von Clara und Robert Schumann aus. Bereits aus der Ferne gut sichtbar gehört dieses Grab zu den bekanntesten auf dem alten Friedhof und ich war nicht die Einzige, die mit dem Fotografieren der Grabstätte beschäftigt war. Wie auch die Inschrift verdeutlicht wurde diese Grabstätte dem toten Komponisten von Freunden und Förderern errichtet und bei der Frauenfigur im Zentrum der Darstellung handelt es sich um Clara Schumann, die huldvoll zur reliefartigen Darstellung des Gesichts Ihres Mannes hinaufblickt. Sie blickt weder traurig noch verzweifelt, vielmehr scheint sie mit dem Tod Ihres Mannes ihren Frieden gemacht zu haben und widmet sich in dieser Darstellung der fast schon anbetungshaften Betrachtung seiner Person. Begleitet wird sie dabei von einer musizierenden Engelsfigur auf der linken Seite des Grabmals, eine klassische und wenig überraschende Wahl für eine Grabfigur. Zur Rechten des Betrachters sitzt eine weitere Gestalt und liest in einem Buch, erst auf den zweiten Blick fällt jedoch auf, dass es sich nicht um eine Putte handelt. Statt Engelsflügeln verfügt die Kreatur über Schmetterlingsflügel und verzichtet so auf jeden religiösen Bezug zugunsten einer von Elfen bevölkerten Mystik.

Wie auf jedem alten Friedhof sind sie auch hier allgegenwärtig: Zeugnisse über die Kriegstoten. Hier sind jedoch nicht nur beide Weltkriege vertreten, sondern auch die deutsch-französischen Kriege. Auf vielen Familiengrabstätten erinnert eine Grabinschrift an die Verstorbenen ohne, dass sie tatsächlich dort bestattet wären. Die Grabmale sind auch heute noch Zeugen einer längst vergangenen Vaterlandsrhetorik.

Grabinschriften sind unverzichtbarer Bestandteil jedes Friedhofs. Namen und Lebensdaten der Verstorbenen finden sich auf den allermeisten Gräbern, oft mit Zusätzen über das Leben und die Person der Toten oder Informationen über den Stifter des Grabmals. Der Alte Friedhof Bonn beherbergt ungewöhnlich viele außergewöhnliche und unübliche Inschriften, wie diese sehr bildlichen und fast liebevollen Mini-Erzählungen auf einem großen Familiengrab. Ganz unterschiedliche Aspekte werden hervorgehoben, immer geht es aber um die Familie mit religiösen Bezügen. Auch die Schriftart ist ungewöhnlich verspielt und leicht.

Grabinschrift Alter Friedhof Bonn

“Tyme tryeth troth” heißt es unter den Lebensdaten der Verstorbenen auf dieser Grabinschrift. Die Sprache ist Alt-Englich – übersetzt heißt es so viel wie die Zeit testet den Glauben mit Anklängen an Beharrlichkeit und Widerstandskraft. Einen Hinweis auf die Herkunft der seltsamen Inschrift gibt der Geburtsname der Verstorbenen, die Familie Trevelyan ist eine der ältesten kornischen Familien und bringt seit Jahrhunderten Edelleute Britanniens hervor. Der Legende nach entstammt die Familie dem mythischen Land Lyonesse, einem sagenumwobenen Landstrich aus der Welt King Arthurs, der die Heimat des Ritters Tristan gewesen sein soll. Wie Atlantis soll Lynoesse einst im Meer versunken sein, einziger Überlebender war der Stammvater der Familie Trevelyan, so erzählt es zumindest die Famliensage. Bis heute zeigt das Wappen der Familie ein Pferd, dass aus den Wellen aufsteigt.

Diese beiden Gräber finden Erwähnung im Wikipedia-Artikel zum Alten Friedhof, jedoch nicht wegen der dort Bestatteten, sondern um dem Besucher den Standort eines besonderen Mammutbaums zu weisen. Grabinschriften sind stets die letzte Reduzierung auf das Wesentliche, denn schließlich sieht der Betrachter der Grabstätte nicht nur was dort geschrieben steht, sondern bemerkt eben auch was alles nicht auf dem Grabmal zu lesen ist. Eine Entscheidung für eine Inschrift ist immer auch eine Entscheidung gegen eine andere, die verewigten Worte müssen dem Errichter des Grabmals daher besonders wichtig gewesen sein. “Er war der Letzte seines” Namens heißt es hier einmal und der andere stilistisch gleiche Stein gibt Auskunft darüber, dass er dem Verstorbenen von seinem 84-jährigen Vater errichtet wurde. Warum wollte der Errichter der Steine genau das über den Verstorbenen mitteilen? Beide Steine weisen die Verstorbenen als Freiherrn von Benckendorf(f) (in unterschiedlichen Schreibweisen) aus, der Name weist auf verschiedene weit verzweigte und alte Adelsfamilien. Die Verstorbenen schienen jedoch keiner dieser anzugehören, ihre (in beiden Fällen identischen zwei Vornamen) tauchen in den Stammbäumen der von Benckendorfs nicht auf, eine Suche nach den Namen in Kombination mit den Geburtsorten fördert nichts zu Tage. Nicht einmal die auf den Grabsteinen angegeben Orte “Gut Mansfeld in der Neumark” und “Soldin” sind mithilfe einer Google-Recherche sicher zu lokalisieren. In einschlägigen genealogischen Handbüchern der Ritter und Freiherrn dieser Gegend tauchen sie nicht auf. So sind die Grabinschriften fast eine Vorahnung des Vergessens, was die beiden fast zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod ereilte, weil kein Andenken an sie Einzug in das digitale Gedächtnis gefunden hat. Sofern einer meiner Leser eine Mitteilung über die Verstorbenen oder die erwähnten Orte machen kann, bin ich für eine Nachricht dankbar.

An ungewöhnlichen und interessanten Grabinschriften herrscht auf diesem Friedhof auch sonst kein Mangel. Von der englischen Grabinschrift eines irischen Politikers (übrigens unter einem imposanten keltischen Kreuz, Foto fehlt aufgrund schwieriger Lichtverhältnisse) über die Erinnerung daran, dass die Anrede “Witwe” unter Nennung des vollständigen Namens des verstorbenen Ehemannes im Jahre 1881 einen eigenständigen Titel für eine verstorbene Frau darstellten, bis zur Erinnerung an das aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwundene Konzept “Heldentod” und einem Grabmal aus Glas mit einer humorvoll sachlichen Mitteilung an den Betrachter ist Einiges auf dem Alten Friedhof zu entdecken. Dass neben den vielen Universitätsprofessoren und Oberbürgermeistern ein Drechslermeister bestattet liegt erfreut dabei genauso wie die italienische Inschrift des Grabes der Schopenhauer-Schwester. Politische Losungen, besonders herausgehobene Berufsbezeichnungen (“Der Pianistin”) und Lebensweisheiten regen unterwegs zum Nachdenken an.

Neben einfachen und raumgreifenderen Erdgräbern bedecken immer wieder schwere Steinplatten einzelne Gräber oder ganze Famliengrabstätten. Die meisten verfügen über schwere Metallösen oder -Ringe, die mutmaßlich dazu dienen, die Platte anzuheben. Zumeist befinden sich darunter Gruften, in denen mehrere Menschen bestattet sind. Unter einer Gruft versteht man landläufig eine gemauerte Aussparung, in die die Särge eingelassen werden. Dabei handelt es sich keineswegs immer um große begehbare unterirdische Gewölbe, wie man sie von den Gruften adeliger Familien vor Augen hat, sondern viel häufiger um platzsparend ausgehobene Gräber mit gemauerten Seitenwänden. Es ist allerdings ebenfalls möglich, ein konventionelles Erdgrab mit einer solchen Steinplatte zu bedecken. Welche Form der Grabstätte sich unter einem Grabmal befindet, wissen in den meisten Fällen nur der Eigentümer des Grabes und die Friedhofsverwaltung.

Ein Gang über den Friedhof ist auch ein Streifzug durch die Geschichte der Stadt Bonn und ihrer Bewohner, wenn auch nur eines sehr kleinen Teils. Erhalten sind nur die Gräber einiger weniger – der Großteil der Bevölkerung, ihre Grabgestaltungen und Bestattungsriten sind nicht repräsentiert. Umso schöner ist es, dass der Friedhof, früher außerhalb der Stadtmauer gelegen, nun von der Stadt so umschlossen wurde, dass er den Besucher am Ausgang in eben jene Welt der normalen Menschen und des städtischen Alltags entlässt.

Der Alte Friedhof Bonn ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Er ist nur über den Eingang an der Bornheimer Straße zugänglich. Der Friedhof ist bis auf wenige Ausnahmen für Bestattungen geschlossen. Ein Plan des Friedhofs mit den Gräbern bekannter Persönlichkeiten ist hier einzusehen sowie am Eingang erhältlich.


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